UA-54644507-1
Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.
 
 
Spielgefährten in Montevideo
 
Wir befanden uns im Hafen von Montevideo. Es war warm, wir setzten uns draußen unter das Wellblechdach eines einfachen Restaurants. Mein Bruder und ich waren Kinder im Alter von vielleicht 12 und 13, wobei ich der ältere war. Es langweilte uns, also gingen wir auf Auskundschaftung der Gegend um das Restaurant herum. Langsam wurde es dunkel, die Straßenlaternen um uns herum gingen nacheinander an. Wir fanden einen kleinen Platz, es waren in einem Halbkreis aufgestellte Bänke aus Beton, und begannen mit Kronkorken irgend ein gerade erfundenes Spiel zu spielen, da kam ein kleiner Junge in das Licht unserer kleinen Spielarena, und fragte, ob er mitspielen könnte. Er war vielleicht so groß wie mein kleiner Bruder, dunklerer, sonnengebräunter Haut, hatte lockige, braune Haare. Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an sein Namen erinnern, gekleidet jedenfalls war er sehr ärmlich, es war klar, dass er aus ganz anderen Verhältnissen stammte als wir. Schnell haben wir ihn in unser Spiel aufgenommen und hatten zu dritt viel Spaß. Ich glaube man musste die Kronkorken aus Entfernung in die Nähe eines Hauptkorkens werfen. Irgend so etwas. Vielleicht riefen uns die Eltern, oder aber unser Spiel wurde erneut langweilig, jedenfalls gingen wir zurück ins Restaurant. Es war für meinen Bruder und mich klar, dass unser neuer Freund mit uns essen sollte. So baten wir ihn mit zu kommen, wir luden ihn ein mit uns zu essen. Wie wir dort alle im grellen Licht der Terrasse dieses an sich schäbigen Restaurants an einfachen, mit Kunststofftischdecken bezogenen Tischen saßen, habe ich nie vergessen, vor allem nicht, wie der Restaurant Besitzer wutentbrannt aus dem Inneren der Bude hinaus schoss und unseren neuen Freund fluchender weise seines Lokales verwies. Ich konnte nichts anderes tun als zuzusehen, wie er erschrocken den Hügel hoch ins Armenviertel  rannte, und irgendwann rechts in eine der dunklen Gassen hinein bog. Ich schreibe bewusst, dass ich nichts anderes machen konnte als ohnmächtig zuzusehen. Vielleicht war ich zu jung, zu überrascht, vielleicht zu schwach, um zu handeln. Ich weiß es nicht.
 
Gelernt jedenfalls habe ich an diesem Abend eine an sich sehr simple Lektion. Nicht wegzuschauen, wenn Unrecht geschieht.
 
Ich habe diese Geschichte noch nie aufgeschrieben, weiß momentan auch nicht, wem ich sie vielleicht erzählt habe. Es ist eine traurige Geschichte, wie so vieles, das uns stärker beeindruckt, oft eben traurig ist. Vor dem Glück hat man wohl kaum Angst. Vielleicht will so die menschliche Evolution, dass uns das Traurige, der Tod, der Verlust uns beibringen, uns mit all unserer Kraft, unserem Geist, unserer Hoffnung, und unseren Taten, sich für das Leben zu entscheiden,  uns dafür einzusetzen. So wirkt der Schreck stets stärker als das Glück, überwiegt ein schrecklicher Augenblick stets das andauernde Glück.